Interview mit Nils Doormann: About… THREE DEUCES

Im Interview spricht Bandleader und Projektinitiiator Nils Doormann über die Entstehung und Idee von THREE DEUCES

Wie ist THD entstanden?

Ehrlich gesagt, beim Radfahren oder Laufen, auf dem Weg zur Arbeit. Es geht mir permanent so, dass ich den Bewegungsrhythmus in irgendwelche Beats umwandle und vor mich hinträllere. Dazu kommt schnell eine Bassline und eine Melodie. Fertig ist das Motiv.

Irgendwann hab ich dann mal angefangen, mir diese Melodien aufzuschreiben, zu diesem Zweck habe ich mir dann immer einen Bleistift und Notenpapier mitgenommen. Manchmal hab ich auch einfach ins Handy gesungen, aber es ist nicht so so zuverlässig, dass man die Melodie dann hinterher genau so versteht, wie sie ursprünglich gemeint war. Oft geht der harmonische Kontext verloren. Noten sind da eindeutiger und auch schnell geschrieben.

So ist im Laufe der Zeit ein ganzes Sammelsurium von Motivschnippseln entstanden. Aus den besten habe ich dann die Songs entwickelt.

Zunächst waren also die Songs da, aber ich hatte Lust sie hörbar zu machen. Ein Motiv ist schnell da, aber auch sehr flüchtig. Wenn man da nicht sofort aufmerksam ist und genau hinschaut, ist es schon wieder weg und für immer verloren. Während des Laufens oder Radfahrens habe ich ständig angefangen, in Gedanken über die Motive zu improvisieren, sie fortzuspinnen, Breaks einzubauen – ich hatte im Kopf quasi immer Livemusik am laufen.

Da ich sowieso immer schon viel mit improvisierter Musik zu tun hatte, wollte ich das Ganze auch „in Echt“ ausprobieren. Also begann ich, eine Handvoll Motive herauszupicken und daraus Songs zu entwickeln.

Meine Idee war, den Improvisationen eine Art Rahmen zu geben. Aus vielen Sessions weiß ich, dass Improvisationen gerne mal an einen Punkt kommen, wo niemand weiß, wie es weitergehen soll und der Song zu zerfisseln droht. Es gibt meiner Meinung nach nichts unangenehmeres, als dass ein Song irgendwie aus Verlegenheit ausläuft und ohne Aussage endet. Das ist sowohl für die Musiker als auch die Zuhörer eine Situation, in der Fremdscham aufkommt, das ist nicht mein Ding.

Also begann ich den Songs einen Rahmen zu geben, Intro, Motiv, vielleicht ein zweites Motiv, einen strukturellen Ablauf und einen definierten Schluß. Wie lang jeder dieser Teile zu spielen ist, ist songabhängig, aber durchaus variabel. Die meisten Übergänge finden on Cue, d.h. auf Zuruf statt.

Zunächst ging es darum, die Musik hörbar zu machen, damit andere Musiker eine Vorstellung davon bekommen können, worum es geht, und ein bißchen auszuloten, wie so das allgemeine Feedback ist. Daher habe ich eine Reihe von Songs exemplarisch vorproduziert, bei denen ich alle Instrumente selbst eingespielt habe.

Sobald einige Songs im Kasten waren, habe ich mich auf die Suche nach Musikern gemacht, die Lust auf Improvisation haben und sich vorstellen können, ihren Teil dazu beizutragen.

Mittlerweile habe ich eine Menge gute Musiker getroffen, vor allem Schlagzeuger und Bassisten, mit denen ich einige Konzerte gespielt habe. Jeder für sich hat dabei seinen eigenen Stil in die Musik eingebracht.

Ich fand es wichtig, die Musik zunächst hörbar zu machen, denn beim Stichwort Geige, das ja mein Hauptinstrument ist, können sich die Wenigsten vorstellen, wie das funktionieren soll. Interessanterweise sind selbst die versiertesten Musiker da nicht vom Schubladendenken befreit und erwarten entweder „saubere“, klassische Klänge oder Gypsie-Sachen. Was anderes können die Meisten von ihnen sich scheinbar nicht vorstellen. Ich bin immer sehr froh, wenn ich Musiker treffe, die entsprechend offen und bereit sind, mit den Klängen und Dynamiken der Instrumente zu spielen.

Worin besteht das Wesen der Musik von THD?

Die Musik von THD ist vor allem Kommunikation. Kommunikation der Musiker untereinander, mit dem Publikum, mit dem Raum, in dem die Musik stattfindet. Die Stücke sind sehr athmosphärisch, wobei das Motiv lediglich als Einstieg dient, so als würde man sagen: „Hier, nimm das und mach was draus!“. Die Struktur des Songs stellt dabei lediglich den Rahmen dar, in dem sich das Ganze bewegt, ist aber von vornherein so flexibel gestaltbar, dass sie genügend Freiraum lässt, sich überall hinzubewegen.

Es ist dabei jederzeit möglich, den vom Motiv vorgegebenen harmonischen oder rhythmischen Kontext zu verlassen und sich in einen anderen Harmonieraum zu begeben oder auf eine andere rhythmische Trägerwelle aufzuspringen, dort zu verweilen und wieder zurückzukehren. Das findet oft statt, aber hier ist die gesamte Aufmerksamkeit aller beteiligten Musiker gefragt. Niemand ist angehalten, sein gelerntes Material einfach nur pflichtbewusst abzuspielen. Das Leben entsteht dadurch, dass man die Impulse des jeweils Anderen aufnimmt und in das eigene Spiel mit hineinfließen lässt. Jede noch so kleine Veränderung im Motiv kann ein Weg in eine neue Welt sein. Daher ist gegenseitiges Zuhören fast am allerwichtigsten.

Gerade von Mitmusikern erfordert das den Mut, konventionelle Wege zu verlassen und sich nicht ans Motiv, an ein Richtig oder Falsch zu klammern. Wenn ich mit einer Formation probe, dann lediglich die grobe Struktur des Songs, sodaß jeder den Rahmen kennt und weiß, wohin es auf welchen Cue hin geht. Wir treffen auch gelegentlich Absprachen über harmonische Entwicklungen oder die Art, wie Motive rhythmisch ausgelegt werden können. Interessanterweise gibt es für ein und dasselbe Motiv oft viele Perspektiven, unter denen es gesehen werden kann. Aber das sind nur die Rahmenbedingungen.

Letztlich zählt der Augenblick im Moment der Performance. Da spielen viel emotionalere Faktoren eine Rolle. Wenn sich unerwartet ein Weg auftut, wie wird der wohl aussehen, wo wird der uns – die Musiker, die Band, das Publikum – wohl hinführen? Hören die Leute zu, tanzen sie, sind sie ergriffen? Man kann viel aus den Gesichtern der Leute herauslesen und das alles als Impulse für das, was man spielt, aufnehmen. So entsteht eine direkte athmösphärische Verbindung zum Publikum.

Wie entsteht die Musik von THD?

Wie gesagt, Ideen fliegen herbei, kommen und gehen, manche schaffen es aufs Papier und eventuell sogar in einen Song. Interessant für mich ist, selbst zu erfahren, in welcher Tonart mir ein Motiv zufliegt. Meist liegt in der Melodie selbst der harmonische Kontext, zumindest legt sie diesen nahe. Anschliessend versuche ich, einen harmonischen Raum abzustecken, der nicht unbedingt etwas mit der zunächst angenommenen Harmonie zu tun haben muss. Ich probiere beispielsweise verschiedene Grundtöne aus leitereigenen oder leiterfremden Tönen aus, um neue Bezugspunkte um das Motiv herum zu schaffen. Genauso verhält es sich mit der darunterliegenden Harmoniegebung. Das ist wie das Zusammenstellen eines Farbklimas. In der Tat assoziiere ich sehr oft Farben mit bestimmten Klängen, nicht eindeutige, eher so etwas wie Farbstimmungen. Wenn sich aus dem Zusammenhang zwischen Bezugston, Harmonie, Melodie und Rhythmus etwas sinnvolles ergibt, dann ist das die Grundlage für einen Song. Der begriff sinnvoll ist dabei relativ: Wieviel Raum bietet das Motiv zum Ausstieg in eine andere Richtung? Wirkt es inspirierend? Macht es an? Ist es tanzbar? Berührt es emotional? Manchmal muss man überflüssige Töne rausschmeissen, bis die Essenz des Motivs übrigbleibt. Oft nehme ich die Melodie auf, um durch Experimentieren auf das eigentliche Wesen des Motivs zu stoßen. Es ist nicht selten, dass erst nach einiger Zeit solche Melodiestücke ihr wahres Gesicht zeigen oder ich selbst imstande bin, es zu erkennen.

Wie nimmt das Publikum die Musik auf?

Die produzierte Musik ist das Eine, die muss man sich ja ständig und immer wieder anhören können. Daher sind da die Ideen verankert und exemplarisch ausgeführt. Ausserdem habe ich die mit einigen Overdubs mit Gitarre und Rhodes oder Hammond versehen, das ist ja im Studio alles machbar, warum also nicht nutzen? Das ist gut für Leute, die uns bisher nicht live gehört haben, hier bekomme ich oft Feedback über einzelne Songs. Ich bin jedesmal erstaunt, wie unterschiedlich die Rezeption ist, denn jeder hat da so sein eigenes Lieblingsstück und erzählt mir dann von seinen Eindrücken.

Das eigentliche Erlebnis ist allerdings die Live-Performance. Hier sind wir meist nur zu dritt, also Geige, Bass und Drums. Da ist es schon sehr wichtig, eine lebendige Kommunikation entstehen zu lassen, denn davon lebt der ganze Abend.

Viele Leute sind zunächst erstaunt, was man alles so mit der Geige machen kann, das ist ja schon ein Instrument, das man eher aus der klassischen Richtung oder aus dem Folk kennt.

Ich stelle fest, dass die Musik, die wir machen, tanzbar ist. Die Leute bewegen sich und grooven mit. Das freut mich jedesmal, denn es ist ein schönes Gefühl, wenn man etwas macht, was andere zu bewegen scheint.

Wenn wir mit der Band in die Improvisation einsteigen, betreten wir neue Welten. Wir steigen ein in neue harmonische Räume, springen auf rhythmische Trägerwellen auf und wandeln in den sich uns auftuenden Universen herum. Ich bekomme viel Feedback von Zuhörern, dass sie sich in andere Welten versetzt sehen, Landschaften sehen, durch die sie reisen oder Stimmungen, in denen sie schwelgen.

Ich begegne Leuten, die sich im Anschluß an das Konzert emotional sehr weit öffnen und mir Geschichten erzählen, die sie während des Hörens erlebt haben.

Spielst Du alle Instrumente selbst ein?

Leider ja (lacht) – aus Mangel an Musikern… Aber im Ernst: Für das Geigenstudium war als Zweitfach Klavier unerlässlich, allerdings spiele ich beide Instrumente schon seit ich 8 Jahre alt war. Mit 15 hat mir mein Vater drei Akkorde auf der Gitarre gezeigt, danach hab ich mir das Gitarre und Baßspielen selbst beigebracht. Als Kind habe ich mir ein Schlagzeug aus alten Töpfen und Kisten selbst gebaut, inklusive Fussmaschine aus Holz. Als Snare/ HiHat-Kombination diente mir eine mit Murmeln gefüllte Metalldose. Immerhin konnte ich mir so das Schlagzeugspielen rudimentär beibringen!

Für das Vorproduzieren der Musik ist das unglaublich hilfreich, man kann schnell eine Idee bekommen, welche Dynamiken die Instrumente zueinander entfalten und wie alles zusammen stimmig wird. Am Reßbrett Musik zu entwickeln war nie mein Ding. Das mache ich höchstens insoweit, dass ich Ideen notiere, um sie nicht zu vergessen. Aber das Arrangement muss ich mir erspielen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich immer anders anfühlt, die Ideen am Instrument selbst in die Tat umzusetzen, als sie sich zu überlegen. Das betrifft vor allem Artikulationen, leichte Slides, Betonungen und dynamische Verläufe innerhalb einer Melodie. Sicher, man kann auch in sich hineinhorchen und sich das unabhängig vom Instrument überlegen, das geht. Aber für mich wird die Charakteristik des Instrumentes wesentlich deutlicher, wenn ich es unter meinen Fingern spüre.

Arbeitest Du mit Loops?

Ja, wenn ich in kleiner Besetzung auftrete spiele ich zum Beispiel für einige Songs Live-Loops ein, zum Beispiel auf der Gitarre oder auf dem Baß. Das ergänzt das Harmoniebild des Songs unheimlich gut. Ausserdem kann das Publikum sehen, wie der Song quasi auf der Bühne entsteht. Ich benutze hierfür entweder die Boss Loop Station oder den SooperLooper zusammen mit Laptop und Footswitch.

Was planst Du als nächstes?

Es stehen jetzt noch einige Konzerte an, weitere sind in Planung. Ausserdem gibt’s viele neue Songs, die mal eingetütet werden müssen, das passiert dann im stillen Kämmerlein. Ich hab einige coole Soundmodule entdeckt, die will ich gerne in die Songs einbauen und mal ausloten, wohin die Reise musikalisch gehen kann. Daneben ist nach der Saison natürlich vor der Saison… Das Booking und der ganze Orga-Kram bleibt natürlich nicht aus, es gibt genug zu tun. Aber was mich am meisten motiviert, sind die Gigs und das unmittelbare Feedback der Leute auf den Konzerten. Ich werde also weiterhin dafür sorgen, dass THREE DEUCES an vielen Orten live zu hören sein wird!

Danke für das Interview!